Zur neuen Vaterrolle

Vorangegangen sind diesem Text, ein Link zu einem erstaunlicherweise schon 2007 im Ärzteblatt veröffentlichten aber vielmissachteten Studie (http://www.aerzteblatt.de/archiv/56851) und ein etwas grimmigen Kommtar:

Es wundert mich immer mehr, dass in einem Verfahren, in dem es maßgeblich um die Interessen des Kindes geht, alle Erkenntnisse, Studien und Logik mehr oder weniger über den Haufen geworfen werden, verweigernde und kooperationsunwillige Elternteile noch belohnt werden, in dem diese weiterhin die Entwicklung des Kindes gefährden dürfen.

Erneut stellt sich die Frage nach dem „Warum“.

Das Handeln derer, die sich gerne auch Verfahrensbeteiligte nennen, ist umso fragwürdiger, als dass diese doch die sogenannten Experten sein wollen. Jahrzehnte der gängigen Praxis bei Scheidung und Trennung sollten doch Beweis genug erheben, dass eben diese nicht förderlich ist, wenn es die, wie hier genannt, psychosozialen Folgen anbelangt.

Mangelt es an Interesse, an Motivation oder einfach nur an Moral ?

Wie heisst es so schön: „Schreibe nichts der Böswilligkeit zu, was durch Dummheit hinreichend erklärbar ist.“ Durch Dummheit, Gewohnheit und vielleicht auch durch die Tatsache, dass wir eine Generation sind, die durch Frauen erzogen wurde und mit der Doktrin, dass wie die SPD sogar in Ihr Programm übernommen hat ‚wer die Menschliche Gesellschaft will, die männliche überwinden muss‘ (Die Tatsache Missachtend, dass Frauen in Machtpositionen in der Geschichte genauso verwerflich gehandelt haben wie Männer.).

Wir sind eine Generation von Männern und Frauen, die Großteils ohne positive Vaterfigur aufgewachsen sind. Bei den Frauen hat das zu dem großen Zweifel geführt, ob man Kerlen wie uns, so etwas wie Kindeserziehung überhaupt anvertrauen darf (kein Wunder das Maternal Gatekeeping heute ein weiblicher Volkssport ist) und wir Männer haben deshalb das Gefühl, wir treten als Bittsteller auf, nach dem Motto „Lass es mich doch bitte mal probieren“. Obwohl es nach dem wegbrechen von Großfamilien faktisch keinen Grund gibt, weshalb eine Frau besser mit einem Kind umgehen können sollte, als ein Mann, denn im frühen Familienumfeld lernen sie da heutzutage nichts, was die meisten Männer nicht auch lernen. Trotzdem, oder vielleicht auch gerade wegen dieser – gerade auch bei den Frauen vorhandenen – Unsicherheit über den richtigen Weg der Kindeserziehung, dürfen wir Männer das meist nur noch unter der Prämisse, dass wir uns wie zweite Mütter verhalten.

Aber das ist auch kein Wunder, denn wenn wir uns nach gesellschaftlichen Rollenvorbilder für Männer aus den letzten dreißig Jahren umsehen, was gibt es da schon? Den Clint Eastwood-Typ (nicht „Robert Kincaid“ aus die Brücken am Fluss sondern den wortkargen Einzelgänger a la Dirty Harry)  und den Woody Allen-Typen, die mehr Neurosen und Mutterkomplexe mit sich rumschleppt als Oedipus himself.

Wir sind mit Bildern von Frauen groß geworden, die den Wiederaufbau und die Kindeserziehung mit links geschaffen haben, und mit Frauen, die für ihre Rechte gekämpft haben und die bequemen und selbstgefälligen Männer der 60er und 70er einfach überrannt haben, und wer sich an diese Männer erinnert, wird auch kaum einen Grund finden, um das bedauerlich zu finden.

Und die Männer? Die haben sich nach einer Scheidung in der Regel nicht um ihre Kinder bemüht, die haben sich eine neue Frau gesucht, eine neue Familie gegründet, und wenn man Glück hatte noch ihren Unterhalt gezahlt. Letztendlich ist das nicht unverständlich, denn das war die Nachkriegsgenration, die selber Kriegswaisen waren, oder vom Krieg traumatisierte Väter hatten und nur mit erleben konnten dass Muttern alles geschmissen hat und Vater – wenn er überhaupt da – war froh war, wenn er mit Haus und Hof nichts zu tun hatte. Wie mein Vater es einmal in einem der selten wahren Momente ausgesprochen als ich ihn auf meine „Vaterlosigkeit“ angesprochen habe: „Wie soll man als Vater agieren, wenn man selber nie einen hatte“. Denn sein Vater ist auch nicht aus dem zweiten Weltkrieg zurückgekommen. Der hat sich nach dem Krieg eine neue Frau genommen und hat seine alte Familie in Hamburg zurückgelassen. Ähnlich wie es mein Vater 32 Jahre später mit mir gemacht hat, als die Ehe meiner Eltern zerbrach.

Ich glaube der Grund, warum so viele Männer heute Vater sein wollen, auch wenn sie dabei kein Ehemann mehr sind, ist weil sie die Erfahrung gemacht haben, wie es war ohne Vater aufzuwachsen. und damit meine ich nicht nur die Scheidungswaisen, sondern auch jene, die einen Vater hatten, der sich in der Familienernährerrolle verloren hat und als wirkliches Rollenvorbild und Erziehungsleitbild keine Zeit für seine Kinder hatte. Zu mindestens kann ich von mir sagen, dass die Erinnerung an dieses Gefühl eine ganz große Motivation war (abgesehen von der Tatsache, dass mein Sohn schon mit fünf  wieder zu mir zurück wollte, und ich deshalb gespürt habe wie wichtig es ist für ihn da zu sein), der mich damals darum hat Kämpfen lassen, nachdem meine ex-Frau eigentlich mit der Motivation 300 KM von mir weg zog, mich zu entsorgen und sich einen neuen zu suchen, mit dem sie das Familiending noch einmal richtig angehen konnte.

Wie sind leider die Generation, die ein neues Rollenvorbild mehr oder weniger aus dem Nichts erkämpfen muss. Die Generation, die den Gerichten, und den Ämtern demonstrieren muss, dass das Mantra „Das Kind gehört zur Mutter“ eine Vergewaltigung der Kinderseele ist, weil sie dem Kind eine Hälfe seiner Entwicklung raubt. Eine Hälfte die genauso essentiell wichtig ist. Das neue Mantra was sich in die Köpfe der Politiker, der Amtstuben und der Gerichte hämmern muss lautet: „Das Kind braucht seine beiden Eltern, egal ob diese Zusammenleben oder nicht.“ Und wenn einer dieser Elternteile das nicht will, weil er sich mit seinem eigenen Verkorksten Vaterbild nicht mit dem Gedanken des Kontrollverlust anfreunden kann, und die Bindung zum anderen Elternteil boykottiert, dann gehört das Kind zu dem Elternteil, bei dem die Chancen am besten stehen, dass das Kind dort einen unverkrampften Umgang mit beiden Elternteilen halten kann, um sich selber seine Meinung über seine Eltern bilden zu können und kein weiteres Opfer des Parent Alienation Abuse wird. Und wer nicht glauben mag  dass ein Mann, der vorher möglicherweise lediglich als Familienernährer aufgetreten das schafft: Keine Bange, so schwer ist das nicht, und nach Studien des Familienministeriums kommen Männer mit dieser Doppelbelastung sogar besser klar und sind im Schnitt zufriedener mit ihrer Lebenssituation als alleinerziehende Mütter. Vielleicht liegt es daran, dass Männer um in den Genuss dieser Doppelbelastung zu kommen, kämpfen mussten, und sie deshalb zu schätzen wissen. Vielleicht liegt es daran, dass es Männern leichter fällt los zu lassen und sich nicht ganz so sehr den Kopf darüber zerbrechen, ob sie als Vater ausreichen. Wofür die Wissenschaft auch eine ganz simple psychologische Erklärung hat. Ihr Gebäraufwand ist halt geringer, und deshalb machen sich Männer nicht bei jeder Kleinigkeit Sorgen. Das ist allerdings kein Grund, zu der Schlussfolgerung zu kommen, dass es – da der  elterliche Kollateralschaden bei Männern geringer wäre – eine gute Idee wäre das Kind nach der Scheidung, einfach zur Mutter zu schicken, denn im Zentrum einer solchen Entscheidung sollte das Kindeswohl stehen. Die Eltern sollten Erwachsen sein und mit ihren eigenen emotionalen Wehwehchen selber klar kommen, und während es für das Kind in den ersten paar Jahren sicherlich wichtiger ist, wenn durch diese erhöhter Angst und Fürsorge eine emotionale Festigung entsteht, wird es in den späteren Jahren eher belastend für das Kind, wenn da nicht der Vater ist, der sie dann auch mal in die Welt schubst, damit sie merken, dass sie auch auf eigenen Füßen stehen können. Wie es Ottfried Preussler in einem der Lieblingsbücher meiner Kinder so schön auf den Punkt bringt

„Ach“, Sprach die Mutter. … Aber ich weiß schon, euch Männern können die Kinder gar nicht schnell genug groß werden.“
„Ja,“ gab der Wassermannvater zurück, “ und ihr Frauen, ihr möchtet am liebsten, dass euch die Kinder zeitlebens am Schürzenband hängen!“

Und es geht dabei nicht um ein Besser oder Schlechter fürs Kind. Vater und Mutter sind das Ying und Yang der Kindesentwicklung. Fehlt eines wird der Kreis einfach nicht rund.

Und hier fällt mir plötzlich doch ein positives Filmbeispiel als Vorbild für den neuen Vater ein (als Cineast schäme ich mich zwar dafür, aber gut) Till Schweiger, der in Kokowah sehr schön demonstriert, dass ein Kind nicht gleich traumatisiert wird, wenn ein Vater erst seine Rolle finden muss. Okay und für Cineasten vielleicht noch Robert Bentons „Kramer gegen Kramer“. Vor allem weil Dustin Hofmanns Plädoyer am Ende sie schon einmal sehr schön darauf einstimmt, was Väter erwartet, die sich wirklich darauf einlassen.

Aber als Vater kann ich nur sagen: Lasst euch nicht davon abschrecken. Eure Kinder sind all die Mühen wert.

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