Paula Bierend: Ein Moment Gott in der Triste

Meine Tochter schreibt, neben Romanen auch das eine oder andere Poetry Slam taugliche Gedicht. Allerdings ist sie noch etwas Unsicher. Sollte es hierfür zehn Likes geben will sie die Texte auch mal beim Poetry Slam live vortragen. Also immer ran:

Ich geh nach links, gerade aus, Rolltreppe hoch.

Ich versuche mich mit der Menschenmasse mitnehmen zu lassen ohne umgerannt zu werden.

Weiche zwei großen Kerlen aus, die ich beide gerne als treuen Beschützer hätte.

Sie würdigen mich nicht eines Blickes.

Ihre Augen kleben am Arsch des Mädchens dessen Figur ich gerne hätte.

Schnell geh ich weiter gerade noch recht zeitig um der nächsten Menschenmasse die aus dem S1 Ausgang kommt auszuweichen.

Ich geh die Treppen runter und lese das Zitat das auf dem Monitor an der Wand steht: „ Auch das geringste Schaffen steht höher als das Reden über Geschaffenes“ (Nietzsche).

Sofort beginnt mein Gehirn zu rattern…. Schnell dreh ich die Musik lauter.

Obwohl ich schon Kopf und Ohren Schmerzen habe.

Ich will nicht… Jetzt gerade einfach nicht.

Treppe hoch diesmal laufe ich.

Jeder Gang macht schlank… Sagt man ja.

Oben angekommen, ganz leicht ausser Atem gehe ich, ganz nahe des Gleisen Richtung Ende.

Dann kommt dieser Moment.

Mein Lieblingslied springt in voller Lautstärke an.

Ich sehe nur.

Ich höre nichts.

Ein Pärchen, das aufgeregt miteinander spricht.

Sie gestikuliert wild.

In einer kleinen, ganz kleinen Ecke meines Herzen wünsche ich mir, dass sie sich streiten.

Schnell schüttele ich den Gedanken ab.

Ein Vater der sein kleines Mädchen zum Lachen bringt.

Tränen steigen mir in die Augen und ich muss lächeln.

Sie ist herzallerliebst.

In diesem Moment fühle ich mich

Mächtig…

Schön…

Unwiderstehlich….

Alle liegen mir zu Füssen.

Ich würde so gerne vollkommen aufhören zu denken, einfach abgehen,

Tanzen und Springen und lauthals Singen,

ohne mir Sorgen über SIE zu machen.

Ich würde gerne einfach weiter gerade aus gehen.

Bis ich nicht mehr kann.

Doch ich muss mich zwingen stehen zu bleiben.

Ich dreh mich zu den Gleisen.

Meine Musik lässt mich, mich wie ein Gott fühlen.

Ich stelle mir eine Welt vor in der alle in Schlafanzügen zur Arbeit und zur Schule gehen.

Eine Welt in der nichts zu Peinlich sein kann.

Wo man wirklich man selbst sein kann mit allen Ecken, Kanten und Geheimnissen.

Alles wäre möglich,

man könnte alles sagen,

alles tun,

es wäre ja nichts schlimmes dabei.

Ich geh einen Schritt nach vorne meine Knie knicken ein und fast hätte ich mich nicht mehr fangen können…

Doch ich fange mich.

Der Zug braucht nur noch wenige Minuten.

Die Sonne schiebt sich aus der Wolkendecke hervor und kurz schließe ich die Augen und genieße den Moment als Gott.

Dann verzieht die Sonne sich wieder und der Song endet.

Ich öffne die Augen wieder und befinde mich wieder in der grauen, tristen Welt mit Peinlichkeit und Einschränkungen.

Ich seh‘ den Zug schon auf den Bahnhof zu kommen.

Ich sehe runter zu den Gleisen und ich denke sofort daran,

ob die Welt ohne mich nicht vielleicht einfacher wäre.

Und hebe den Fuß….

(Paula Bierend, 12.05.2014)

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